Sonntag, 24. September 2017

Presse-Aussendung zur Bischofsernennung



22.09.2017
Der neue Bischof und der Prozess der Bischofsernennungen
Stellungnahme der Mitglieder der Pfarrerinitiative der Diözese Innsbruck und der Pfarrerinitiative Österreich

Rom hat nach von der Diözese Innsbruck noch nicht bestätigten Berichten mit MMag. Hermann Glettler einen neuen Bischof der Diözese Innsbruck ernannt, der Laien und Priestern wenig bekannt ist und von auswärts kommt. Mit Befremden müssen wir das zur Kenntnis nehmen.
Hermann Glettler hat aber einen ausgezeichneten Ruf als Seelsorger. Er ist bekannt für seine Menschennähe und für seine Glaubensverkündigung auf der Höhe unserer Zeit. Er stand in seiner Pfarre St. Andrä in Graz in lebendigem Kontakt mit den Menschen anderer Sprache und Religion sowie mit Flüchtlingen. Glettler ist selbst künstlerisch tätig und steht in regem Austausch mit Künstlern, mit denen er eindrückliche Projekte verwirklicht hat.
Beim Treffen des Priester- und Laienrates der Diözese Innsbruck am 9.1.2016 wurden in einem qualifizierten Prozess ein Anforderungsprofil für einen künftigen Bischof der Diözese erstellt und geeignete Kandidaten dafür ermittelt. Hermann Glettler war zwar nicht unter den 14 vorgeschlagenen Personen, die das größte Vertrauen gefunden hatten, erfüllt aber in hohem Maß das erstellte Anforderungsprofil.
Diese Form der Beteiligung des Kirchenvolkes der Diözese an der Ermittlung des künftigen Bischofs vor 20 Monaten wurde von Bischof Dr. Manfred Scheuer angeregt und vom Apostolischen Nuntius Erzbischof Peter Zurbriggen gutgeheißen.
Größten Unmut hat die 20-monatige Dauer des Ernennungsprozesses eines neuen Bischofs hervorgerufen. Dass es die Verantwortlichen in Rom dabei auch nicht für nötig gehalten haben, Erklärung oder Rechenschaft zu geben, zeugt von abgehobener, zentralistischer Machtausübung eines Systems.
Die grundlegende Reform des Prozesses der Bischofsernennungen ist unverzichtbar! Die Beteiligung der Verantwortlichen und des Kirchenvolkes einer Diözese darf nicht vom Wohlwollen Einzelner abhängen, sondern muss kirchenrechtlich bindend werden.
Papst Franziskus selbst hat bei der 50-Jahr-Feier der Bischofssynode im Oktober 2015 eine Dezentralisierung eingemahnt und an das Anliegen erinnert, „'gemeinsam voranzugehen' – Laien, Hirten und der Bischof von Rom“. Das derzeitige Vorgehen bei Bischofsernennungen missachtet diesen Wesenszug der Kirche, basiert auf dem Misstrauen gegenüber der Ortskirche und geschieht unter erheblicher Geringschätzung der Würde des Kirchenvolkes. Über Jahrhunderte hindurch war dagegen die Wahl des Bischofs durch Klerus und Volk die Weise der Bischofsbestellung schlechthin: „Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden.“ (Papst Leo I., der Große, 440-461)
Aus biblischen, theologischen, spirituellen und kirchenbürgerrechtlichen Gründen ist eine Reform überfällig:
Frauen und Männer des diözesanen Kirchenvolkes, besonders die gewählten und ernannten Verantwortlichen der diözesanen und dekanatlichen Räte, sind bei der Ernennung eines Bischofs mitverantwortlich zu beteiligen.
Schluss mit der Geheimniskrämerei, welche Personen wozu befragt werden und wer die Entscheidungen nach welchen Kriterien trifft! Der Prozess der Bischofs-ernennungen ist unter Wahrung der Vertraulichkeit transparent zu gestalten. Dabei soll auch die bewährte Tradition der gemeinsamen spirituellen Ent-scheidungsfindung angewendet und fruchtbar gemacht werden.
Die Kirchenleitung hat die Verantwortung, unter Einbindung der Ortskirche, in wesentlich kürzerer Zeit (im Konzil von Chalcedon, 451, wurden 3 Monate dafür bestimmt) für eine Bischofsnachfolge zu sorgen.
Der derzeitige Modus der Bischofsernennungen zeigt die Dringlichkeit einer Erneuerung der Theologie des Amtes des Bischofs und des Priesters auf Grundlage eines evangelien- und zeitgemäßen Kirchen- und Gottesbildes.

Vom neuen Bischof erwarten wir gemäß der Einladung von Papst Franziskus mutige Vorschläge für die Erneuerung der Kirche. Dazu werden wir die Zusammenarbeit mit ihm suchen und wünschen ihm Gottes Geist und Segen!

Freitag, 19. Juni 2015


Wien/Limerick, Mai 2015
Offener Brief an Papst Franziskus

PAPST FRANZISKUS, SIE BRAUCHEN LEBENDIGE GEMEINDEN
UND DIE GEMEINDEN BRAUCHEN SIE!

Papst Franziskus, Ihre Vision von Kirche bewegt uns: eine Kirche in der Spur und im
Geist Jesu nahe bei den Menschen, ihnen in Respekt und Offenheit verbunden, auf
Augenhöhe, als echte Weggefährtin – zugewandt gerade jenen, die am Rand stehen
und besonderer Solidarität bedürfen. Statt Gräben zu vertiefen, führen Sie zusammen.
Statt zu urteilen, suchen Sie zu verstehen. Statt Türen zu schließen, öffnen Sie Herzen.
Hier wird die Urform von Kirche, wie Jesus sie uns vorgelebt hat, endlich wieder
spürbar.
Unzählige Menschen überall auf der Welt jubeln Ihnen zu, denn sie teilen diese Vision
– so sehr im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils. Mehr noch: Sie leben sie, so
gut es geht. Ihre Heimat sind die Gemeinden vor Ort, an der Kirchenbasis. Hier, im
Alltag der Menschen findet Kirche statt, wird sie lebendig oder auch nicht. Hier, und
nur hier, erfährt Kirche tagtäglich ihren Daseinsgrund.
Papst Franziskus, Sie brauchen die Gemeinden, damit Ihre Vision von Kirche lebt.
Ohne aktive Gemeinden fehlt Ihrer Vision das Fundament und die notwendige Kraft,
Widerstände zu überwinden. Unsere Gemeinden sind die Zukunft der Kirche Jesu.
Doch genau diese Gemeinden sind in ihrer Zukunft massiv bedroht.
Unsere Bischöfe begegnen dem Priestermangel überall auf der Welt immer öfter mit
der Zusammenlegung aktiver und lebendiger Pfarrgemeinden zu anonymen und
unüberschaubaren Großstrukturen. Fusionieren scheint das Rezept der Stunde. Doch
in den neuen Pfarr-Großverbänden geht der persönliche Kontakt zu den Menschen
verloren. Die Sakramente und der Priester entfernen sich immer weiter vom Alltag der
KirchenbürgerInnen. Und wo die Quelle von Gemeinschaft, die Eucharistiefeier, immer
seltener gefeiert wird, bleibt die communio bald auf der Strecke. Derweil sind Priester,
statt mit Seelsorge, mit Koordination und Verwaltung beschäftigt, sollen überall sein
und sind dabei selbst nirgends mehr zu Hause. In solchen Gemeinden weht nicht der
lebendige Atem Jesu, sondern herrscht Verunsicherung und eine begründete Angst
vor Heimatverlust. Hier ist die Kirche nicht mehr nah bei den Menschen, sondern
entfernt sich wissentlich von ihrer Basis.
Wir, besorgte Priester und Diakone, Seelsorgerinnen und engagierte Kirchenbürgerinnen
und Kirchenbürger in den Gemeinden dieser Welt, sind nicht länger
bereit, diesen Weg mitzugehen. Gemeinsam suchen wir nach neuen Wegen für eine
Zukunft unserer Kirche mit lebendigen Gemeinden; mit Gemeinden, die jeden einladen
– ohne Ausnahme. Und solche Wege gibt es! Längst wird in vielen Gemeinden
vorgelebt, wie es anders gehen kann.
Es sind Frauen und Männer, Ehepaare, Geschiedene und Wiederverheiratete,
Homosexuelle und Heterosexuelle, Junge und Alte, die im Mittelpunkt Stehenden und
die an den Rand Gedrängten – es sind engagierte Menschen, die dem
Zusammenlegen ihrer Gemeinden zu immer größeren Einheiten Einhalt gebieten
wollen. Sie helfen durch persönlichen Einsatz, kraft ihrer Tauf-Berufung, die Priester in
ihren wachsenden Aufgaben zu entlasten, um den Dienst der Gemeinde an den
Menschen lebendig zu erhalten. Dort, wo es keinen Priester vor Ort mehr gibt,
entwickeln sie kreative Lösungen, um den Zusammenhalt und die alltägliche Leitung
ihrer Gemeinde zu sichern. Dabei sind vielfach Strukturen und Modelle entstanden, die
tragen und von denen wir für die Zukunft lernen können. Noch gibt es viel Bereitschaft
an der Basis, für eine erneuerte Kirche im Geiste Jesu zu kämpfen.
Papst Franziskus, wir – Priester und Diakone, SeelsorgerInnen, Kirchenbürgerinnen
und Kirchenbürger – brauchen Sie! Wir appellieren an Sie, den Weg freizumachen für
neue Wege und Formen des Gemeindelebens und deren Leitung: Öffnen wir das
priesterliche Leitungsamt für alle, die dazu begabt sind! Entwickeln wir neue
Leitungsmodelle, die Menschen aus den Gemeinden entsprechend ihrer Charismen
beteiligen! Etablieren wir eine neue Kultur der Mitverantwortung und Mitentscheidung
in allen Strukturen unserer Kirche! Erinnern wir uns daran, wie Jesus Gemeinde
verstanden und gelebt hat! Der Geist Gottes drängt uns. Packen wir es mutig
miteinander an!
Papst Franziskus, Sie brauchen lebendige Gemeinden, um Ihre Vision von Kirche mit
Leben zu füllen. Und die Gemeinden brauchen Sie. Wir – die Priester, Diakone,
Seelsorgerinnen und Seelsorger und viele engagierte Kirchenbürgerinnen und
Kirchenbürger in den Gemeinden weltweit – stehen bereit, unsere Erfahrungen und
Ideen einzubringen und Sie und die Bischöfe bei der Verwirklichung Ihrer Vision an der
Basis tatkräftig zu unterstützen.

Gezeichnet:
AUSTRIA
Pfarrer-Initiative Österreich
Pfr. Helmut Schüller, Sprecher

Wir sind Kirche Österreich
Dr. Martha Heizer, Vorsitzende

AUSTRALIEN
Australian Catholic Coalition for Church Renewal
Marilyn Hatton, Convenor

Catholics for Ministry
Paul Collins, Convenor

Catholics for Renewal
Peter Johnstone, President 3
Cyber Christian Community
Helen Oxenburgh-Lowe, Convenor

Women and the Australian Church
Bernice Moore, Convenor

DEUTSCHLAND
Deutsche Pfarrer-Initiative
Pfr. Christian Ammersbach, Sprecher

Wir sind Kirche Deutschland
Christian Weisner, Bundesteam

ENGLAND
ACTA – A Call to Action
Eileen Fitzpatrick, Chair
Jean Riordan, Delegate

INDIEN
Fr. Shaji George Kochuthara
Moral Theologian and Priest, Carmelites of Mary Immaculate
Satyashodhak, Mumbai
Dr. Astrid Lobo Gajiwala, Co-ordinator

IRLAND
Assocation of Catholic Priests (ACP)
Fr. Brendan Hoban and Fr. Seán McDonagh, Leadership Team
Fr. Tony Flannery, Host of Limerick Conference 2015

Association of Catholics in Ireland (ACI)
Noel McCann, Steering Group Chair
Dr. Patricia Fitzsimons, Steering Group Member

We are Church Ireland
Brendan Butler, joint Co-Ordinator

Seeds of Hope
Kathleen McDonnell, Rita O’Brien, Margaret Lee,
Core Group Members

ITALIEN
Noi Siamo Chiesa Italia
Vittorio Bellavite, Spokesman
Fr. Carmine Miccoli, Priest

SLOVAKEI
ok21 – Society for Open Christianity for the 21st Century
Peter Križan, Chairman 4

SCHWEIZ
Pfarrei-Initiative Schweiz
Dr. Markus Heil, Diakon, Präsident
Susanne A. Birke, Vorstand

USA
National Coalition of American Nuns
Sr. Jeannine Gramick S.L., National Coordinator

New Ways Ministry
Francis DeBernardo, Executive Director

FutureChurch
Deborah Rose-Milavec, Executive Director

Women's Ordination Conference
Kate McElwee, Co-Executive Director

INTERNATIONAL
International Movement We are Church (IMWAC)
Sigrid Grabmeier, Chair

Mittwoch, 17. Juni 2015

17. Juni 2015

Neubestellung der Sprecher der PI Innsbruck

In der Mitgliederversammlung der PI Innsbruck am 8. Juni 2015 in der Pfarre Völs haben nach vorausgehender Wahl durch die Mitglieder die neuen Sprecher der PI diese Funktion für die nächsten zwei Jahre angenommen:

Dekan Bernhard Kranebitter, Hl. Familie Lienz
Dekan Franz Neuner, Breitenwang
Pfr. Christoph Perntner, Völs

(Es wurden neu drei Sprecher gewählt, um die Aufgaben besser verteilen zu können. Dies wurde von den Mitgliedern in einer vorangehenden Sitzung beschlossen.)

Willi Holzhammer

"Kirche hört zu" in der Pfarre Lienz Heilige Familie

29. Mai 2015

In der "Langen Nacht der Kirchen" hat die
Pfarre Lienz Hl. Familie
den Ambo für alle Liebenden "geöffnet", um auf die Freuden, Sorgen und Nöte der Menschen zu hören. Das Ergebnis konnte Dekan Bernhard Kranebitter an Bischof Dr. Manfred Scheuer überreichen. 

Hier der Link zu der Meldung und der Ausarbeitung der Antworten: 

Pfarre_Lienz_Hl_Familie

 



Montag, 1. Juni 2015


Bischofssynode 2015 in Rom

Wir weisen auf die beeindruckende Stellungnahme der Innsbrucker Theologieprofessoren zum Thema "Ehe und Familie" im Hinblick auf die Bischofssynode im Herbst 2015 in Rom hin.

Link-Adresse zum Leseraum der Theologischen Fakultät Innsbruck:

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1094.html


Ein Hinweis auf den Text der Stellungnahme findet sich in der Pfingstnummer des "Tiroler Sonntag". Auch den "Schlusspunkt" widmet Prof. J. Newiadomski diesem Thema.



Österreichweit wird die PI am 8. September eine Veranstaltung "Kirche hört zu" zur Familiensynode in der Donaucitykirche durchführen.
 (Die Pfarre Heilige Familie in  Lienz hat in der "Langen Nacht der Kirchen" mit dieser Aktion den Auftakt innerhalb der PI gesetzt.)

Montag, 1. Dezember 2014



   

  Christ in der Gegenwart


   66. JAHRGANG 2014       Freiburg, 30. November 2014

Lasst den Dörfern ihre Kirche 



Von Gerhard Henkel und Johannes Meier
 
In vielen Bistümern werden aufgrund des Priestermangels Pfarreien aufgelöst. Die Kirche wiederholt damit die Fehler der kommunalen Gebietsreformen und zerstört damit das in Jahrhunderten gewachsene Denken, Fühlen und Handeln der Dorfbewohner für ihre Kirche. Davon sind der Humangeograf mit Schwerpunkt Land- und Dorfentwicklung Gerhard Henkel und der Kirchengeschichtler Johannes Meier überzeugt. Ihre Argumente und Thesen zu den Folgen der Zusammenlegung von Gemeinden sowie zu konkreten Alternativen stellen wir zur Diskussion.

Immer mehr Menschen entfernen sich von der Kirche. Dieser Prozess wird durch emografischen Wandel, Priestermangel und offenkundige Missstände in der „Amtskirche“ verstärkt. Die Kirche reagiert mit Strukturreformen. In sehr vielen deutschen Bistümern sieht man das Heil darin, den bestehenden Kirchengemeinden Pfarrei- beziehungsweise Gemeindezusammenlegungen aufzudrängen oder gar aufzuzwingen. Einwände und Proteste gegen die Auflösung von Kirchengemeinden werden ignoriert oder kalt abgewiesen.

Die Beseitigung der dörflichen Kirchengemeinden wird das Vertrauen der Menschen in die Amtskirche weiter erschüttern und die Flucht der noch Kirchentreuen aus der Kirche - insbesondere auch auf dem Land - beschleunigen. Durch die von den Bistümern von oben organisierten und durchgesetzten Gemeindefusionen besteht die große Gefahr der Entlokalisierung und letztlich Auflösung der - noch in Resten vorhandenen - katholischen Volkskirche in der Fläche. Kurz: Amtskirche beseitigt Volkskirche.

Problemfall Bürokratie

1. Gemeindefusionen dienen in keiner Weise der Seelsorge vor Ort oder gar einem aktiveren Gemeindeleben. Vielmehr beseitigt die Amtskirche so die Ortsgemeinden und damit die lokale Grundlage der Kirche. Sie eliminiert die lebendige Einheit von Kirche und Dorf, die vielerorts seit dem frühen Mittelalter, also seit bis zu 1200 Jahren besteht. Sie stößt mit ihrer zentralistischen Reform die Gläubigen in den Dörfern vor den Kopf, die im Selbstverantworten und Mitmachen große Erfahrung und Kompetenz besitzen. Man bekommt keine Antwort auf die Frage: Was soll sich für die Gläubigen in den Dörfern verbessern, wenn sie „ihre Kirche“ verlieren, wenn sie keine lokalen und demokratischen Gremien des Mitgestaltens und Mitverantwortens mehr haben? Auch unter Landpfarrern sind Unverständnis und Resignation angesichts der Beseitigung der Ortskirche weit verbreitet. Auf Einwände wird gar nicht oder von oben herab reagiert mit der Botschaft: „Das versteht Ihr Landpfarrer nicht.“ Vor Ort vernimmt man nicht selten resignative Sätze wie: Auf uns hört man nicht, oder auch: Kirche schaufelt ihr eigenes Grab und schafft sich ab auf dem Land.

2. Die Kirchengebäude, vor Jahrhunderten von Dorfbewohnern errichtet und - auch in Zeiten der Armut - gepflegt und modernisiert, Mittelpunkte und Symbole des Glaubens und Gemeindelebens, sollen dem Dorf weggenommen und einer anonymen Großgemeinde übereignet werden. Derartige Zentralisierungen zerstören das in Jahrhunderten gewachsene lokale Denken, Handeln und Fühlen der Dorfgemeinde für ihre Kirche - was ja die Lebendigkeit und Kraft der „Volkskirche“ ausmacht. Sehen die Verantwortlichen in den bischöflichen Zentralbehörden diese programmierten Verluste nicht? Zynische Beobachter - auch unter den Pfarrern - sagen, dass diese Verluste in den Bistumsleitungen kaum jemand interessieren. Ein Pfarrer aus dem Westfälischen formuliert: Die Kirche demontiert sich selbst. Unser Problem sind nicht die Gläubigen und auch nicht die Antichristen, sondern die kirchlichen Bürokraten. Für einen bekannten Bundespolitiker ist die Kirche klerikalistisch und nicht auf die Gläubigen ausgerichtet.


Das größte Eigentor

3. Die kirchlichen Gemeindefusionen wiederholen die gravierenden Fehler der kommunalen Gebietsreformen der zurückliegenden Jahrzehnte in einigen Bundesländern. Dabei wurden etwa 400000 ehrenamtlich tätige Bürger aus den Gemeindeparlamenten „wegrationalisiert“. Signalwirkung: Wir brauchen eure Mitarbeit nicht mehr. Ergebnis: Desinteresse für Kommunalpolitik und lokalpolitische Ohnmacht. Die gleichen Folgen werden nun auch der Kirche bevorstehen. Hunderttausende gewählte und ehrenamtlich tätige Christen würden durch das Wegfallen der lokalen Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände nicht mehr gebraucht. Sie gingen der Kirche - wie schon zuvor in der Kommunalpolitik - unwiderruflich verloren. Sind die Ortsgemeinden erst ausgelöscht, sinkt die Bereitschaft mitzumachen in den Dörfern auf null. Ein Landpfarrer aus dem Erzbistum Paderborn drückte es so aus: Wir würden als Kirche damit das größte und dümmste Eigentor schießen, das denkbar ist.

4. Der Amtskirche fehlt das Vertrauen in die Gläubigen der Ortskirchen, auf deren Gefühle, Kompetenzen und Kräfte, und in lokale demokratische Gremien. Das einseitige Diktieren von Fusionen in verschiedenen Bistümern zeigt, wie wenig man den Christen vor Ort und der Selbstregulierungskraft der dörflichen Gemeinden zutraut. Man zentralisiert ohne Rücksicht auf doch erkennbare Verluste. Warnungen von Landpfarrern und Gläubigen werden arrogant und kalt abgewimmelt. Warum überlässt man den Ortskirchen nicht die echte Wahlfreiheit der Entscheidung zwischen Einheitsgemeinden - hier werden die Ortsgemeinden aufgelöst - und Verbandsgemeinden - hier bleiben die Ortsgemeinden bestehen - ohne finanzielle und personelle Druck- und Lockmittel? Die Kirche will und muss zukünftig mehr Gläubige ohne Priesterweihe in die Seelsorge einbinden. Wie stellt man sich das vor? Man kann die Laien - auch auf dem Land - nicht mehr für die neuen kirchlichen Aufgaben halten und gewinnen, wenn man ihnen zuvor die lokale Kirchengemeinde mit ihren gewachsenen Gremien weggenommen hat.

5. Die Kirche verliert heute immer mehr Gläubige, vor allem im mittleren und jugendlichen Alter. Dazu tragen zurückliegende und aktuelle Missstände in der Amtskirche bei, besonders aber deren Verschleierung und Vertuschung. Dieses Prinzip der Vernebelung zeigt sich auch in einigen amtlichen Strukturpapieren. Ein Musterbeispiel hierfür ist das Dokument „Pastorale Entwicklung Kirche am Ort“ des Bistums Rottenburg-Stuttgart. Auf den ersten zwanzig Seiten wird mit Engelszungen von Subsidiarität, Ortskirche und Freiwilligkeit geredet, um dann in einem Satz, den dann schon viele wohlgestimmte Leser gar nicht mehr lesen, die Katze aus dem Sack zu lassen: den Zusammenschluss zu einer Kirchengemeinde mit Teilorten. Das einzige Argument hierfür lautet: Der bisherige Kooperationsverbund der selbstständigen Gemeinden bietet keinen Rechtsstatus. Salopper geht’s nicht! Es fehlt jeder Hinweis auf Alternativen. Immerhin befinden sich zehntausende deutsche Dörfer seit Jahrzehnten als selbstständige Ortsgemeinden in einem äußerst stabilen Rechtsstatus innerhalb einer Verbandsgemeinde. Verschwiegen wird, dass man zugunsten der Einheitsgemeinde die bisherigen Ortsgemeinden auflöst. Über mögliche negative Folgen dieser Auflösung wird keine Silbe verloren. In einem Radio-Interview mit dem „Westdeutschen Rundfunk“ erklärte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Alois Glück: Die Kirche braucht einen anderen Geist, um Menschen zu gewinnen und auf Menschen zuzugehen: den der Transparenz und nicht der Vernebelung und des Täuschens. Dies gilt gerade für eine Existenzfrage der Kirche, die alle Gläubigen angeht.

Alternative: Verbandsgemeinde

6. Es ist durchaus sinnvoll, die bestehenden Kirchengemeinden organisatorisch miteinander zu vernetzen und von Verwaltungsarbeit zu entlasten. Dieses kann und sollte man zentralisieren. Aber man braucht dazu keine Fusionen. Als optimale Alternative zur Einheitsgemeinde bietet sich die Verbandsgemeinde an. Diese schafft eine starke zentrale Organisation und Verwaltung und belässt den zugehörigen Ortsgemeinden ihre Selbstständigkeit, ihr lokales Verantworten und Handeln. Die Verbandsgemeinde hat sich im kommunalen Bereich - auch als Verwaltungsgemeinde, Amtsgemeinde oder Samtgemeinde bezeichnet - beispielsweise in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern - bestens bewährt und kommt den dortigen Dörfern sehr zugute. Gott sei Dank gibt es eine Reihe von Bischöfen und Bistümern, etwa Osnabrück und Mainz, die sich an diesen Vorbildern orientieren und die dörflichen Pfarreien mit ihren demokratischen Gremien in Pfarrverbänden organisatorisch und verwaltungsmäßig zusammenfügen.

7. Man kann vorhersehen und teilweise schon beobachten, was nach Fusionen passiert: In den anonymen Großgemeinden können nicht alle Kirchen, Pfarrheime und Pfarrhäuser „gehalten“ werden. In mehreren „Wellen“ werden von den zentralisierten Gremien Kirchen geschlossen, entweiht und verramscht, ohne dass die „unbequemen“ Christen vor Ort noch gefragt werden oder Einfluss nehmen können. Die Dörfer werden entkirchlicht. Strebt die Amtskirche dies etwa an mit ihrem kalten Durchsteuern von oben nach unten? Es wäre der einzige „Sinn“ von Gemeindefusionen, den man - zynischerweise - einsehen könnte. Die Menschen vor Ort würden niemals auf den Gedanken kommen, „ihre“ Kirche aufzugeben oder gar zu verkaufen.

Unerhörter Weckruf

8. Die zentralen Raumordner im Umfeld der Bischöfe argumentieren gerne mit den Kosten. Manchmal heißt es auch, man wolle die Kirche „demografiefest“ machen. Hehre und hohle Schlagwörter, die Wesentliches außer Acht lassen. Einheitsgemeinden sind keineswegs kostengünstiger als Verbandsgemeinden. Nach der kommunalen Gebietsreform sind die Kosten in Fusionsgemeinden durch die fehlenden lokalen Gremien und das wegfallende Engagement der Bürger gestiegen. Die Kosten würden auch in kirchlichen Fusionsgemeinden - im materiellen und immateriellen Bereich - steigen, weil sich weniger Gläubige engagieren. Aber selbst wenn man die Zusammenlegung kostenneutral „berechnen“ würde - wie wäre die tatsächliche „Wertebilanz“ für die Kirche, wenn man damit das kirchliche Gemeindeleben in den Dörfern auf null fährt? In der Volkswirtschaft, die bisweilen auch die sozialen und kulturellen Kosten mit einbezieht, würde man hier von herben Verlusten oder auch einem Desaster sprechen.

9. Strukturreformen sollten vor allem die Seelsorge und das Mitmachen vor Ort wieder stärken, was in Zeiten zunehmender Kirchenferne - auch auf dem Lande - schwer genug ist. In diese Richtung gehen auch die Appelle von Papst Franziskus, die sich gegen eine selbstbezogene, bürokratisch verkrustete Amtskirche richten und von den Christen - auch von den Evangelischen - mit großer Hoffnung auf einen „Klimawandel“ angesehen werden. Der Papst will das für die Kirche existenziell wichtige Subsidiaritätsprinzip verstärkt auch im Inneren der Kirche angewendet wissen: mehr Vielfalt, mehr Zutrauen und Vertrauen in die unteren Entscheidungsebenen. Weniger Bevormundung, weniger zentrale Lösungen und Vereinheitlichungen auf Biegen und Brechen. Konkret soll so viel wie möglich auf der Ebene der Gemeinde verantwortet und getan werden - eine Aufforderung zu einer „Hingeh-Pastoral“ statt zu einer „Weggeh- oder Rückzugspastoral“. Nehmen die deutschen Bischöfe diese Appelle des neuen Papstes nicht wahr? Selbst unter katholischen Pfarrern und Theologen vernimmt man immer häufiger, dass die Bischöfe die Weckrufe des Papstes an ihre eigene Adresse nur ungern hören und auf stur schalten.

10. Kommt es zu den Fusionen von Kirchengemeinden, werden die bestehenden Defizite der Landpastoral nur vergrößert. Von den (mobilen) Christen wird demnächst verlangt, aus bis zu einem Dutzend oder mehr Dörfern einmal pro Woche in eine „Zentralkirche“ zum Gottesdienst des dort residierenden „Zentralpfarrers“ zu fahren. Ansonsten bleiben sie - ihre alte Kirchengemeinde ist aufgelöst, ihre alte Dorfkirche entweiht und verkauft - sich selbst überlassen. Ist das gewünscht? Stärkt dies die Präsenz des Evangeliums in unserer Gesellschaft?

Leitbild Bürger

11. In unserer Gesellschaft gibt es - nicht nur in der Jugend - ein wachsendes Unbehagen an der Praxis der Demokratie. Durchsteuern von oben nach unten ist nicht zeitgemäß. Positive Werte wie soziales Miteinander, Transparenz, Fairness und Vertrauen sind den Menschen heute wichtig. Das könnte der Kirche zugutekommen, wenn sie denn will. Das Gemeindeleben in Kommunen und Kirchen wird in Zukunft mehr denn je auf das Mitgestalten und Mitmachen der Bürger vor Ort angewiesen sein. Als Leitbilder gelten Bürgerkommune und Bürgerkirche. Hat die Kirche kein Vertrauen in die lokale Basis, in die Möglichkeiten der Bürgergesellschaft? Will sie stattdessen alles zentralistisch regeln?

12. Die Verantwortlichen in den deutschen Bistümern müssen sich fragen lassen, welche Lehre der Kirche ihr Denken bestimmt. Fast immer ist ihre Planung abhängig von einer Hochrechnung der in den kommenden zwei Jahrzehnten verfügbaren Diözesanpriester. Dies ist eine kleruszentrierte Ekklesiologie. Das Zweite Vatikanische Konzil hat im Gegensatz dazu in seiner dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ sehr bewusst ein Kapitel über das Volk Gottes dem Kapitel über die hierarchische Verfassung der Kirche vorangestellt und damit der Ortskirche den höchsten Stellenwert zuerkannt.

Was Papst Franziskus möchte

13. In diesem Sinne äußert sich auch Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (Freude des Evangeliums). In mehreren Abschnitten sagt er zur missionarischen Umgestaltung der Kirche: „In der Treue zum Vorbild des Meisters ist es lebenswichtig, dass die Kirche heute hinausgeht, um an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden ausschließen“ (23). „Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigen können; gleicherweise können die guten Strukturen nützlich sein, wenn ein Leben da ist, das sie beseelt, sie unterstützt und sie beurteilt. Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium beseelten Geist, ohne ‚Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung‘ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (26). „Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur. Sie wird … weiterhin die Kirche sein, die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt. Durch all ihre Aktivitäten ermutigt und formt die Pfarrei die Mitglieder, damit sie aktiv Handelnde in der Evangelisierung sind“ (28). „Der Bischof muss immer das missionarische Ideal in seiner Diözese fördern … Darum wird er sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrechtzuerhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und - vor allem - weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden. In seiner Aufgabe, ein dynamisches, offenes und missionarisches Miteinander zu fördern, wird er die Reifung der vom Kodex des Kanonischen Rechts vorgesehenen Mitspracheregelungen sowie anderer Formen des Dialogs anregen und suchen, in dem Wunsch, alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen“ (31).

14. Die Gesellschaft braucht die Kirche, der ländliche Raum braucht die Kirche. Aber die Kirche nimmt dies und ihren Auftrag zu wenig wahr. Sie muss auf die Menschen zugehen und sie mitnehmen, sie muss sich öffnen und Transparenz zeigen. Durch Diktate und zentralistische „Reformen“ gewinnt die Kirche nichts, aber zerstört fast alles. Sie schwächt damit vor allem die breite ehrenamtliche und demokratische Basis einer zukünftigen Mitmachkirche. Kennen die zentralen Planer in den Bischofssitzen das Dorf und seine Menschen wirklich? Von einem deutschen Bischof soll die Aussage stammen, dass Dörfer doch sowieso nur noch Schlafdörfer seien. Wenn das die Meinung der Kirche ist, hat sie keine Ahnung vom Dorf und seinen Menschen, von der Mitmach- und Anpackkultur, von der Kompetenz, gemeinschaftlich Verantwortung zu tragen, vom hohen Bildungsstand und nicht zuletzt auch seiner Kirchentreue.

Positives Kirchturmdenken

15. Mit der Auflösung der Ortspfarreien schadet die Kirche nicht nur sich selbst, sondern auch dem Land und seinen Menschen. Das Dorf würde damit einen tiefen, existenziellen Verlust erfahren: Es verliert seine älteste und über Jahrhunderte intensiv mit Leben gefüllte, selbst organisierte und getragene gemeindliche Institution. Es verliert seine geistliche, kulturelle und soziale Mitte und damit den Kern seiner lokalen Identifikation. Es verliert vielerorts die letzte Bastion der lokalen Selbstverantwortung und macht damit das sprichwörtliche Kirchturmdenken in positivem Sinne überflüssig, was Dörfer bisher ausgezeichnet hat. Es verliert das Innigste, was ihm die Zentralen bisher noch nicht weggenommen haben - nach Schule, Post und Bürgermeister. Es verliert sein Herz. Kann dies der Kirche gleichgültig sein?

Gerhard Henkel, Dr. rer. nat., Professor für Geografie an der Universität Essen, lebt in Fürstenberg/Westfalen; zuletzt erschienen: „Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute“ (Stuttgart 2012).
Johannes Meier, Dr. theol., Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und Religiöse Volkskunde, Mainz.


CIG 46/2014